Zum Buch: Hungrige Tage

Text

 

Covergestaltung:       Brigitta Heiskel
Lektorat:                    Sylvia Treudl
Satz und Layout:       andreas.winter@kabsi.at
Druck und Bindung:  Rema Print, Wien

 

© Milena Verlag 2002
A-1080 Wien, Lange Gasse 51/10
www.milena-verlag.at
ALLE RECHTE VORBEHALTEN

 

ISBN 3-85286-105-5

 

Die Entstehung dieses Romans wurde durch das
Österreichische Staatsstipendium 1998/99 unterstützt.

 

© Lina Hofstädter 2012
379 Seiten, Hardcover,
Vergriffen. Restexemplare bei der Autorin erhältlich
20.- + Versandkosten

Leseprobe

Hungrige Tage. 1jpg

Es nervt. Das ist der Plan. Du überlegst, ob sich die Kekse
lohnen, wenn du sie Gramm für Gramm aufschreiben musst.
- „Sie empfinden überdeutlich die Unfreiheit, die Ihre
Handlungsweise mit sich bringt.“ Originalzitat Zernedden.
Er redet gerne und häufig von Freiheit. Für andere weiß er
alles besser. Dabei schnauft er. Sein Atem geht hart, wenn du
ihm gegenübersitzt. Er schaut dich nie direkt an. Zur Be-
grüßung legt er seine Finger kurz auf deiner Handfläche auf,
oft nur die Spitzen. Auch er lebt anderswo.
    Gespannt warte ich auf die morgige Gruppensitzung.
Hausaufgabe noch keine. Nur probeweise dieses Protokoll.
Ob ich meine Sache richtig mache? Urangst. Immer will ir-
gendeiner etwas von dir. Du weißt nicht, Was. Denkst dir al-
lerhand. Und am Ende hast du es falsch gemacht.
    „Stellen Sie die allerhöchsten Anforderungen an sich.
Flüchten Sie nicht in die Unfähigkeit und Unbeweglichkeit
des Ich-kann-ja-doch-nicht. Sie können.“ Originalzitat aus:
„Erfolgreich abnehmen. Schön sein.“ - Hängt seitjahren an
der Schlafzimmertür. Früher wurde ich noch gesiezt.
    „Du träumst. Komm auf den Boden zurück und stelle
dich den Tatsachen.“ Originalzitat: meine Mutter. Ich: klein
und mit dünnen Beinchen. Nein. Stimmt gar nicht. Bei die-
sem Satz war ich schon größer. Und ob ich mich gestellt
habe! Doch stets war von verschiedenen Realitäten zwischen
uns die Rede. Für sie das Leben eine Reihe einfacher Fakten:
arbeiten, Dinge kaufen. Tun. Was sich gehört. Sie hat ihr
Leben lang nur das getan. Gekocht, gewaschen. Alles pico-
bello. Ist zweimal die Woche putzen gegangen -in einem an-
deren Teil der Stadt, damit niemand davon erfuhr. Als Vater
starb, ging sie fünf Tage die Woche putzen. Sieben Tage hat
sie gebügelt. Die Nachbarinnen durften nichts wissen, ob-
wohl die ebenfalls putzten und bügelten.
    Mir war diese Welt immer zu kompliziert. - „Schau
nicht verbissen. Lächle! Ein Mädchen ist nur hübsch, wenn
es lächelt.“ - „Tu dies und tu das, und tu es ordentlich!“ - So
eine Existenz verbraucht Kalorien. - „Iss den Teller leer,
damit du groß und kräftig wirst.“ - „Noch ein Löffelchen,
sonst wird nie was aus dir.“ Ich höre ihre singende Stimme
mit dem schneidenden Unterton, sobald ein halb voller Tel-
ler auf dem Tisch steht. Oft esse ich - vielleicht deshalb - lie-
ber aus der Schüssel. Dennoch, es wäre zu einfach, ihr die
Schuld an meiner Esssucht zu geben. Sie ist natürlich an vie-
lem schuld. An allem anderen, genau genommen.

Hungrige Tage 2

 
So geht's. Dasitzen ist das Allerschlimmste. Dasitzen und war-
ten, was andere mit dir machen. Ich wollte nicht. Wollte dies-
mal wirklich nicht. Aber das Gefühl, auf der Stelle auseinan-
der zu fallen, wenn ich nicht ein bisschen etwas in den Magen
...Zitzerlweise nachgegeben, wie immer. Goldgelbe Wiener-
schnitzel halluzieniert und unzufrieden an Keksen gekaut. Um
halb ging ich los. Viel zu früh. Nur um wegzukommen.
    Sich schämen. Schon unter der Tür. Jeder wusste,
wohin ich wollte. Die Assistentin wies, ohne zu fragen, zum
Gruppenraum am Ende des Ganges. Ich sehe aus wie die
anderen. Zwangsmitgliedschaft. Inmitten 15fach potenzier-
ter Schande in einem von Schweiß erfüllten Raum thront
Zernedden. Redet sehr hochdeutsch. Sein P und T kommt
mit einem kleinen Knall. Er spricht so leise, dass du kaum
zu atmen wagst. Du hörst das Schnaufen des Kolosses
neben dir und hoffst, selbst unhörbar zu sein. Wer immer
etwas sagen muss, räuspert zuerst; die Stimmchen kommen
zittrig aus den gewaltigen Körpern - trotz Entspannungs-
übungen.
    Fühle mich fettig, traue mich nicht, mir übers Gesicht zu
wischen. Wäre am liebsten unsichtbar.
    Mein Nebenmann hat seine Aufgabe nicht geschafft.
Kleine Perlen sprießen ih?n am Hals hinter den Ohren und
rinnen plötzlich, mit Anlauf, in den Kragen. Seine Stimme
überschlägt sich zweimal, obwohl ihn niemand tadelt. Ich
rieche seinen süßfäuligen Schweiß, der am Rücken des Hem-
des jetzt wahrscheinlich schon einen großen Fleck bildet. Die
zu kurzen Arme hält er als Schild vor der Brust verschränkt.
Niemand kann ihm helfen. Er presst die Arme in die Achsel-
höhlen, sonst müssten auch da schon dunkle Stellen sichtbar
sein. Es dampft herüber. Verschlägt den Atem. Obwohl ein
Fenster offen steht. Wie Z. es bloß mit uns aushält? Der
lächelt charmant in die Runde: Wer als Nächster, Nächste?
Sein Blick streift mich, bleibt einen Moment fragend hängen.
Erschrocken starre ich zurück. Dann wandert sein Auge wei-
ter. - „Ingrid, ja“ Auch die schaut verängstigt, obwohl sie die
Situation kennen müsste. Das nächste Mal erwischt es viel-
leicht mich. Sie tut mir so Leid.


Jetzt besitze auch ich einen lila Hefter. Erstes Blatt. Ge-
wichtstabelle.
    Sitzung Numero I/9. 2. 1939/Gewicht: 103,5 +/-
    Die Spalte über Fortschritt oder Stillstand noch leer.
Dann das „Hausaufgabenblatt“. Da soll ich mit etwas vor-
nehmen - täglich nehme ich mir vieles vor! - und dann be-
richten, wie's ging. Ich fürchte ihn jetzt schon, diesen Fort-
schrittszwang. Es müsse ja nicht sein, sagt Zernedden. Er hat
gut reden. Er ist Zuseher. Wir aber haben keine Wahl. Die
Gruppe der einzige Ort, wo wir hingehen können. Man ist zu
allem bereit, nur um dabei zu sein. Auch wenn Dabeisein
wieder Qual bedeutet. - „Ist es wirklich sooo schlimm?“
    Und neuerlich blitzt sein Lächeln übers Gesicht, dass du
nicht anders kannst als die Wahrheit dementieren: „Neinnein.
So schlimm auch wieder nicht.“ - Fragender Nachblick übern
Brillenrand, doch du bleibst dabei. Manchmal übertreibt man
eben. Dann reicht er dir einen Zettel. - „Ganz wichtig! Das
müssen Sie kopieren. Am besten hundertfach!“ Er lacht kurz
und tief. „Die dritte Seite, das Essprotokoll.“ Jeden Tag fest-
halten. Übergenau leben. Nichts ungesagt hineinfressen. -
Und wenn ich das Formular nicht bei mir habe? - Papierservi-
etten gibt's überall. Das müsse wirklich sein, sagt er. Als ob ich
nichts anderes zu tun hätte, als zu schreiben! Ich werde meine
Uhr nicht mehr vergessen dürfen. Ich darf alles, sagt Zerned-
den. Nur aufschreiben muss ich es. Schöne neue Welt! Wenn
das Freiheit ist! - „Was wäre schon Freiheit?“, hat er gefragt
und dabei wieder über den Brillenrand geschaut.

 

Sich schämen. Der Hunger hat feste Zeiten.  Vormittag,
in der Nacht. Bürozeiten. Privatzeiten. Die anderen wissen,
wohin ich verschwinde und zu welchem Zweck. Tag für Tag
dasselbe Ritual. Bestellungen entgegenneh?nen, Reklamatio-
nen entgegennehmen, Reklamationen weiterleiten, Bestel-
lungen weiterleiten. Königswelt, alles für alle. Der Freundliche
Versand. Dazwischen Kaffee trinken (mit Friedel), essen (am
Klo), Kaffee trinken (mit Friedel). Jeden Fünfzehnten Geld
am Konto. So ist das Leben.
    Reklamationen gehen an Swatzek, der sich „Versandab-
teilung“ betitelt. Bestellungen ins Lager zu Altmann mit sei-
nen wechselnden Hilfskräften. Wir sind eines der größten
Versandhäuser im Land. Unser Frühjahrskatalog quillt über
von Hochglanzdingen.
    Der Chef, König, arbeitet vor allem mit koreanischen
Lieferanten. Die machen die besten Imitate, sagt er: Bei-
nahe-Legoklötzchen und Beinahe-Barbies, täuschend echte
Schweizer Uhren und französische Seidenwäsche; Woll-
decken, die sich wie Kaschmir anfühlen. Das geht weg wie
warme Semmeln. Königs Philosophie: Die Leute wollen das
Beste. Aber sie haben kein Geld. Also gib ihnen das Gefühl,
das Beste fast geschenkt zu bekom?nen. Unser Schmuck sieht
wirklich hochkarätig aus. Und wer wird schon alles auf die
Goldwaage legen. Tausende zufriedene Kunden! Der Kunde
ist bei uns König, sagt König und lacht goldzähnig.
    Wir Angestellten kriegen den Chef ja selten zu Gesicht.
Fast nur zur Weihnachtsfeier. Ab und zu glänzt sein dunkel-
blauer Jaguar auf dem nummerierten Parkplatz unten, zwi-
schen den rostbezogenen Dächern der Lagerhallen und der
Altmetallverwertung. Dann konferiert er mit Swatzek über
Dinge, von denen die Kunden die nächste Saison träumen
Werden. Bloß ein Glück, dass die uns hier nicht sehen, in die-
ser Betonbaracke.
    Das Logo am Katalog zeigt die goldenen Umrisse eines
Märchenschlosses. In Wahrl?eit besteht „Königswelt“ aus
Lagerhallen, drei düsteren Büros und einem Klo. Nichts ist,
was es sein könnte. Friedel trägt dicke Strümpfe und ver-
latschte Gesundheitsschuhe. Ihr Gesicht ist runzelig, ihr
Haar schlampig überfärbt. Demnächst geht sie in Pension.

 

Dennoch erhält sie wegen ihrer jugendlichen Stimme
manchmal Anträge von Herren am Telefon.
    Vor ein paar Wochen wurde das WC in zwei Räume
geteilt. Einen für Frauen, einen für die Männer. Wie vom
Arbeitsamt seit Jahren verlangt. Jetzt ist es da drin so eng,
dass ich kaum die Tür zubringe. Aber wenigstens sieht
Swatzek mich nicht mehr mit meinen Wurstsemmeln. Fast
jeden Tag qualmt zur gleichen Zeit in der anderen Kabine
einer der Lagerarbeiter. Wir tun so, als ob wir einander
nicht bemerkten.
    Vor kurzem hat man unsere Bürobesetzung aufgestockt.
Mit Manuela sind wir nun zu dritt. Seither ist es auch im
Büro eng geworden. Nicht bloß wegen des dritten Schreibti-
sches. Manuela hat etwas, das einen an den Rand drängt.
Und ein Verhältnis mit Swatzek. Streng geheim natürlich.
Doch alle Wissen Bescheid. lhr Scheitel ist anders gezogen,
wenn sie aus seinem Büro kommt.
    Früher hatten Friedel und ich unsere Unterhaltungs-
spiele: Wer ist diese Elvira Dombusch, die ein emailliertes
Küchenset mit Hühnerdekor, eine Sonderausgabe Briefpa-
pier (Bütten, Rosenmotiv) und ein Buch „Blumengestecke
stilvoll arrangieren“ bestellt? Wie alt wird Ferdinand Eiger-
rnoser sein (Schuhputzkasten aus Bio-Fichtenholz und „Die
schönsten Eisenbahnstrecken Österreichs“)? Mit Manuela
geht so was nicht. Sie zieht ihren Lippenstift alle paar Be-
stellungen nach und ist kein bisschen neugierig auf die
Menschen mit ihren Wünschen. Nur auf den Umsatz. Sie
hat ein Auge auf prompte Bezahlung. Die Kreditkäufe
haben im letzten ]ahr enorm zugenommen. Da bestellt
einer zum CD-Player gleich an die hundert Discs, von
Vicky Leandros' „Verlorenem Paradies“, über Kinks und
Meditationsmusik bis hin zu Bach-Kantaten. Da stimmt
doch was nicht. Die Leute wissen nicht mehr, was sie wol-
len. Alle kaufen alles. Ich kaufe wenigstens bloß Essbares.
Da ist noch eine Linie drin. Und ich brauche das Zeug zu-
mindest auf.

Hungrige Tage 3

Ich bemerke, wie ich die Liste mit Zerneddens Auge taxiere.
Bin mir nicht sicher, ob ihn meine Gefühle was angehen oder
was Friedel und ich tratschen, sobald Manuela aus dem Zim-
mer ist. Ich möchte das wirklich richtig - ertappter Neben-
gedanke -, es allen recht machen. Allen? Ich gehe den Sitz-
kreis in Gedanken ab. Molly, Molly! Das Kaleidoskop stoppt
bei Zernedden. Pass da bloß auf! Halt dich an deinesglei-
chen. Was zum Beispiel, wenn Zernedden und Swatzek im
gleichen Klub ...? Dann macht meine Schande die Runde.
Oder gilt hier ärztliche Schweigepflicht? Sonst geht es
womöglich wie mit dem „Schönheitsinstitut“. Die hatten das
Recht, meine Fotos zu veröffentlichen. Hatte das Kleinge-
druckte nicht gelesen.

 

Zernedden hat die Esslisten eingesammelt und beiseite ge-
legt. Hätte gerne sein Gesicht gesehen beim Lesen.
    Diesmal haben wir Selbstporträts gezeichnet. Lebens-
groß. Auf riesigen Bogen Packpapier. Ingrid und Renate, die
zwei Jüngsten, fanden es zum Totkichern. Mir fiel mein ehe-
maliger Zeichenlehrer ein: „Die Perspektive? Wo ist da die
Perspektive?“, fragte der f?stelstimmig. Als ich das erzähle,
lacht Zernedden kurz und dröhnend, schluckt, schaut ernst
und geht weiter. - Was am Ende von uns an den Wänden
hing, waren unförmige Schattenrisse. Weilige Körperland-
schaften, über die man spottete, obwohl es schmerzte. Dann
wurden sie abgehängt und die Maße verglichen. Wir legten
uns auf die Porträts. Eins zu eins. Robert zog meine Kontu-
ren nach. Es kitzelte. Auch ihn. Seine Augenbrauen zogen
sich zusammen. Er keuchte, über mich gebeugt. Ich genierte
mich für ihn. Dicke Männer habe ich zu keiner Zeit ge-
mocht.
    Schließlich mussten wir unsere Idealfigur einzeichnen.
Niemand getraute sich recht. Nur die biedere Elisabeth
malte eine Barbiepuppe mit atemberaubender Taille. Wir an-
deren blieben pessimistisch in den Bereichen des Möglichen.
Zernedden tätschelte ihr auf die Schulter und meinte, sie als
Einzige wisse mit dem Wort „Ideal“ noch was anzufangen.
Alle schauten eifersüchtig. Wieder falsch gemacht.
    Wir sollen unsere Möglichkeiten erkennen. Uns akzep-
tieren lernen. Vielleicht sogar lieben. - So ein Schmus. Wie
kann man sich lieben, wenn der Hals einem Schneckenhaus

Hungrige Tage 4

ähnelt und der Busen seitlich weghängt? Ich sag ihm das.
Tatsachen: Hüften wie eine vollbepackte Schultasche. Schen-
kelüberhang am Knie. Da nützen die Venus von Willendorf
und sämtliche Rubensgemälde nichts. “Wir leben in unserer
Zeit; eine andere steht uns nicht zur Verfügung.
    Wenn ich mich drehe, gerät mein Körper in Schwin-
gung. Wie autoreifendicke Hulahoops kreist er hintennach.
Immer zu spät. Statt Festigkeit eine ewige Zitterpartie.
    Zerneddens Auge folgt gleichgültig meiner Demonstra-
tion. Meinen Protesten. Nein, nicht ganz gleichgültig. Er
blinzelt, wie ich Pirouetten drehe und die Röcke hebe. Auch
Robert stehen wieder die Schweißperlchen auf der Stirn.
Wegen der weißen Schenkel oder wegen des gewagten Wi-
derspruchs? Da lass ich's lieber. Zernedden wendet sich der
Gruppe zu: „Wahrscheinlich hängt der Set-point - das Ge-
wicht, zu dem wir tendieren -mit dem Gefühl für die eigene
Form zusammen. Jeder trägt seine Vorstellung von Figur in
sich. An diesem Bild orientiert sich der Regelmechanismus
des inneren ,Computers“. Wir werden sehen, wie allein
durch die Kraft der Gedanken das Bild gewissermaßen korri-
giert und retuschiert ...“

 
Dozieren! Zitieren! Theorien! - Wer weiß, wo die Korrektur
anzusetzen wäre? Machen wir die Welt? Machen wir's uns
bloß selber schwer?
    Auch Zernedden übernimmt leichtfertig die Aussagen
der Literatur und nennt es Wissenschaft. Unsereins kennt
diese Wissenschaftl Ab dem Moment, als unser Spiegelbild
unerträglich wurde, haben wir sämtliche Bücher gelesen, die
erklärten, warum wir sind, wie wir sind. Alle guten Rat-
schläge, wie's anders ginge. - Und den Trick mit dem inneren
Bild haben wir allesamt schon probiert. Der kostet nämlich
nichts, im Gegensatz zu anderen Methoden. Und wenn er
nie nützt, ist er trotzdem nicht widerlegt. Dann hat man es
eben falsch gemacht. So sind wir letztlich immer selber
schuld.

 

    Grad wie beim „NSS-Schönheitsinstitut“ (Natürlich -
Schlank - Schön). Die in die Länge gezogenen S mit den
goldenen Schnörkeln. Der Spaß kostete 20.000 Schilling.
Und das vor acht, nein, neun Jahren. Heute wäre es das
Doppelte. Jetzt zahlt wenigstens einen Teil der Taxen die
Krankenkasse. Mein Hausarzt, der gute alte Doktor Veith
hat das durchgeboxt. - „Die Nieren, die Venen, Bluthoch-
druck!“, sagte er. „Da müssen wir was unternehmen!“ Aber
dann war er doch ein wenig eifersüchtig, weil mich der
Chefarzt an Zernedden verwies. Veith hatte an eine simple
Kur gedacht, an Diät. Wasser und Brot sozusagen. Er hält
nichts von neumodische?n psychologische?n Firlefanz. Nur
grollend rückte er meine Laborwerte heraus. Schließlich
konnte ich ihn aber besänftigen. Auch er sieht ein, dass man
alles probieren muss.
    Zuerst wusste ich ja selbst nicht, ob ich da wirklich hin
wollte. Wenn man auf jede Scharlatanerie schon einmal her-
eingefallen ist, wenn man jahrelang alles für bare Münze ge-
nommen hat: Massagesandalen, Dragees, blaue und gelbe,
„SlimQuick“, Saunahosen, Phytokur, „Figuraba“ - dort legte
ich mich dreimal wöchentlich in einen geschlossenen Plas-
tiksarg, das nannte sich Sauerstofftherapie. Nahm fünf Kilo
ab - weil kaum Geld fürs Essen übrig blieb. Ein andermal aß
ich nur Ananas, dann wieder ausschließlich Eier. Erwog
sogar einen Chirurgen, der angeblich den halben Magen
herausschnitt. Eine Radiosendung berichtete über erstaunli-
che Erfolge. Letztendlich konnte ich mich aber doch nicht
durchringen. Irgendwie hänge ich an meiner Ganzheit.

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